Die Tanzschule der
Migros

Colombo Dance Factory

Von der Rebellion zur Institution: Aus der Colombo Dance Factory wird das Tanzwerk101 an der Pfingstweidstrasse. Colombo-Gründerin und Tanz-Rebellin Yella Colombo erzählt von den Anfängen einer neuen Tanzszene und der Factory.

 

Yella Colombo kümmert sich nicht darum, was andere Leute denken. „Die Schweiz hatte damals keine richtige Tanzkultur. Es gab nur das Opernhaus und das Schauspielhaus“. Sie sprüht vor Energie, als sie sich an den Zustand der Schweizer Tanzszene erinnert. Damals, das war vor 40 Jahren. In der Schweiz herrschte Ödnis in der modernen Tanzszene; Jazz- und Modern Dance wurden als Tanzstile nicht anerkannt. „Man schaute auf den modernen Tanz herab. Dieser Popo- und Hüftschwung habe mit Tanz rein gar nichts zu tun. Kunst war eine ernste Angelegenheit. Wir haben diese Leute verflucht und unser eigenes Ding gemacht“.

 

Yella Colombo war früher lediglich Primarlehrerin mit einer Leidenschaft für den Tanz. Aufgrund ihrer Passion absolvierte sie eine zweijährige Ballettausbildung bei Tatjana Gsovsky in Berlin, fand aber im Ballett keine befriedigende Ausdrucksmöglichkeit. Das Angebot in der Schweiz beschränkte sich auf klassischen Tanz. „Früher gab es nur Tanzakademien. Der Tanz war eine hochheilige, elitäre Angelegenheit.“ Anfang der 70er Jahre entdeckte sie die école de danse von Alain Bernard, in der Jazztanz unterrichtet wurde und war begeistert. Es folgten Aus- und Weiterbildungen in Paris und London, in denen sich Colombo mit unterschiedlichen Stilarten auseinandersetzte und wo sie schliesslich den Profitänzer und ihren zukünftigen Geschäftspartner Gordon Coster, kennenlernte. 1973 gab Yella Colombo den Lehrerberuf auf und gründete in Zürich am Sihlquai eine Schule für Hobbytänzer – die Colombo Dance Factory, die sie nach Andy Warhols Atelier („The Factory“) benannte.

 

ORGASMUS UND ANDERE HÖHEPUNKTE

Colombo lud Gordon Coster nach Zürich als Gastlehrer ein, 1974 siedelte er ganz nach Zürich über. Coster hatte das Bedürfnis sich künstlerisch auszuleben und träumte von der eigenen Tanzkompanie. Darum gründeten die beiden bereits im ersten Jahr ihrer Zusammenarbeit einen Studiengang für Tänzer, bei dem alle möglichen Stilrichtungen erlernt werden konnten (neben Tanz auch Akrobatik, Gesang und Pantomime), wie es der Name „Zürich Tanz-Theater-Schule“ (ZTTS) schon verrät.

 

Die erste Aufführung der Kompanie fand 1974 statt und provozierte mit dem Titel „JIZZ JAZZ. Der Orgasmus und andere Höhepunkte“. Der Titel wurde bewusst gewählt, um Andersartigkeit auszudrücken und Neugierige anzulocken. Dabei sei die Tanzaufführung ganz brav gewesen, lacht Colombo. „Wir wollten eine Aufführung machen, bei der die Zuschauer danach sagen könnten, so etwas kann ich und will ich auch machen. Wir waren die Avantgarde des Schweizer Jazztanz, vor uns hatte es nichts Vergleichbares.“

 

DER PROFITÄNZER KOMMT INS TANZKAFF

In Zürich fand Gordon Coster den fruchtbaren Boden, auf dem er etwas bewegen konnte. In London war der Markt ausgeschöpt und besetzt von Stars wie Matt Mattox, der den Jazztanz in Europa und in den USA entscheidend mitgeprägt hat. In Zürich hatte Coster als künstlerischer Leiter der Zürcher Tanz-Theater-Schule die Möglichkeit, seine Träume auszuleben. Er war gegen die strengen Formen des Balletts, der Tanz sollte keine Diktatur über den Körper sein, sondern Ausdruck natürlicher Bewegung. Das Motto der Tanzschule, Ganzheitlichkeit und Vielfältigkeit, hatte Auswirkungen auf die Qualität der Ausbildung. Colombo und Gordon wollten, dass die Tänzerinnen und Tänzer der Schule sowohl in einer Modeshow als auch in einem Kammerballett hätten aufgenommen werden können. Dies erschwerte es, einen hohen Standard zu garantieren. Zugleich zeichnete sich die Schule durch genau diese Vielfalt aus und diente den Studenten als gute Basisgrundlage für weitere Ausbildungen.

 

KAMPF UMS ÜBERLEBEN

Ein Problem waren immer wieder die Finanzen. Für die modernen Tanzstile gab es keine Subventionen und Colombo musste ab und zu bei der Stadt vorbei und um eine Defizitgarantie „betteln“. Aber Not macht erfinderisch. Um das Überleben der Tanzschule zu sichern, führte Colombo die jährlichen Sommerkurse ein, in denen sie fremde Choreographen aus der ganzen Welt einfliegen liess und die neue Stile, wie Hip Hop in den 90er Jahren, vorstellten. „Wir waren die ersten in der Schweiz, die diese Sommerkurse anboten. Früher taten wir es aus Not, heutzutage ist es die Norm geworden.“ Oft musste Colombo bei der Fremdenpolizei vorbeigehen, um die Beamten davon zu überreden, den ausländischen Lehrern eine Aufenthaltsbewilligung zu geben. „Die Beamten wollte keine Einreisebewilligung ausstellen, weil sie nicht verstanden, dass es kein inländisches Angebot an zeitgenössischen Tanzlehrern gab.“ Ausserdem wurde eine zweite Tanzkompanie gegründet, die Colombo Dancers, die als Showgruppe auch eine finanzielle Einnahmequelle wurde. Die relativ hohen Schulgebühren (im Jahre 2004 zahlte ein Schüler 1100 Franken im Monat), brachten der ZTTS den Ruf ein, die Schule nähme jeden auf – Hauptsache, er zahle. Dennoch kann die Colombo auf eine lange Liste an Zürcher Bühnentänzern zurückschauen, die den ZTTS Studiengang durchlaufen haben.

 

BRAND UND UMZUG INS STEINFELS AREAL

1990 brannte die Schule ab. Colombo musste eine neuen Bleibe suchen und fand sie im Steinfels-Areal in Züri-West. „Es hatte überhaupt nichts dort draussen. Die vom Steinfels-Areal wollten das Quartier aufwerten und kamen uns sehr entgegen bei den Verhandlungen.“ 1990 bis 1994 übten sie in einem Provisorium im Keller, danach zog die Schule endgültig ein und prägte die Atmosphäre des Steinfels Areals entscheidend mit.

 

ÜBERGABE DER MACHT

Im Jahre 2000 liess sich Gordon pensionieren – und Colombo wollte nicht alleine weitermachen. Sie übergab Frank Rutishauser die künstlerische, Boris Grüter wies sie die operative Leitung zu. Ihr Partner Gordon wurde ausgezahlt und verliess die Schweiz. 2007 verkauft Colombo ihre Tanzschule an die Migros. Die anderen Interessenten waren entweder zu blauäugig oder nur um Wertabschöpfung bemüht, so Colombo. Mit der Migros habe sie ein gutes Gefühl gehabt – weil diese ihr versicherte, dass die Schule in ihrem Sinne, am gleichen Ort und unter dem gleichen Namen, weitergeführt werde. Das ganze Versprechen konnte nicht gehalten werden. Dieses Jahr ist die Tanzschule vom Steinfels Areal an die Pfingstweidstrasse 101 in die ehemalige Bananenabpackerei gezogen, der Name wurde zu Tanzwerk101 abgeändert. Colombo scheint dies nicht zu stören. „Das Interessante an dieser ganzen Geschichte ist nicht der Verkauf der Schule oder der Namenswechsel von Colombo Dance Factory zu Tanzwerk 101,“ meint Colombo. „Es ist der Wechsel von einer Tanzschule zu einer höheren Fachschule für zeitgenössischen und urbanen Tanz“. Der Tanz hatte bis anhin einen schweren Stand in der Schweiz, der Beruf wurde erst 2009 staatlich anerkannt. Der Wechsel zu einem anerkannten Diplomstudiengang sei schon ein Traum von ihrem Partner Gordon Coster gewesen. Colombo seufzt. Coster ist dieses Jahr im März verstorben und konnte es nicht mehr miterleben. „Er wäre unglaublich stolz gewesen“.

 

Seit eineinhalb Jahren ist Yella Colombo wieder glücklich verheiratet. Sie strahlt. Sie hätte nicht mehr damit gerechnet, nachdem sie vorher zwanzig Jahre alleine gewesen war. Gefehlt habe ihr damals nichts. „Ich hatte ein total ausgefülltes Leben, ich hatte meine Tanzschule, ich hatte meine Freunde, ich hatte meinen Hund. Es war immer was los.“ Nun sei sie aber auch sehr glücklich und geniesse die Zeit mit ihrem Mann. Ausserdem widmet sich Colombo ihrer zweiten Leidenschaft, dem Tango, sie nimmt Gesangsstunden und singt in einem Chor. Langweilig wird es dieser Frau auch in Zukunft nicht.

Morgen berichtet Westnetz über die heutigen Pioniere der Tanzszene: Das Projekt Tanzwerk101 in der ehemaligen Bananenabpackerei der Migros.